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Basler Theater


Am Ende der 60er Jahre, genau im Jahr 1968, begannen in Basel die sieben wunderbaren, fetten Theaterjahre. Werner Düggelin wurde Direktor des Theaters und er überredete Friedrich Dürren- matt als Co-Direktor mitzuwirken. So entstand die sogenannte »Basler Dramaturgie«. Aber auch nach dem Rücktritt von Dürren- matt, im Oktober 69, blieb das Theater Basel ein Gigant im deutschsprachigen Raum.


Die Dramaturgie mit Hermann Beil, Luis Bolliger, Hans J. Am- mann und Louis Naef, mit den Hausautoren Heinrich Henkel und Dieter Forte, war sehr erfolgreich. Die Regisseure Hans Bauer, Werner Düggelin, Kurt Früh, Erich Holliger, Hans Hollmann, Jan Kačer, Jiří Menzel, Horst Siede, Kosta Spaic, Rolf Stahl haben unvergessliche Stücke produziert.

Die Oper, von Armin Jordan geleitet und das Balett mit den Choreographen Pavel Šmok und Heinz Spoerli waren auf Weltniveau. Und ohne den Chorleiter Werner Nitzer und die Ausstatter Wolfgang Mai, Hannes Meyer und Hans Georg Schäfer, kann man sich jene Zeit gar nicht vorstellen.


Und dann die grossartigen Schauspieler, wie Verena Buss, Eva-Maria Duhan, Melitta Gautschy, Petra Gnade, Monika Koch, Judith Melles, Silvia Reize, Rosalinde Renn, Rosel Schäfer, Maja Stolle, Susanne Thommen, Hilde Ziegler, Horst Christian Beckmann, Helmut Berger, Wolfram Berger, Georg Martin Bode, Peter Brogle, Paul Gogel, Matthias Habich, Christoph Hofricher, Hans Dieter Jendreyko, Max Knapp, Hubert Kronlachner, Gerd Kunath, Robert Messerli, Jochen Porger, Michael Rittermann, Klaus-Henner Russius, René Scheibli, Volker Spahr, Adolph Spalinger...


Und die Tänzer aus Šmoks Balletten Das trunkene Schiff (Rimbaud), Brainticket oder Celestial Ocean (beide mit Musik von Joël Vandroogenbroecks Brainticket), wie Gisela Balzer, Norma Batchelor, Katka Elšlégrová, Chantal Fauchard, Silvia Frey, Silvia Jarošová, Věra Koželuhová, Marcela Martiníková, František Halmazňa, Karel Hruška, Jan Klár, Petr Koželuh, Jaromír Linhart, Jano Šprlák-Puk, Miroslav Vilímek...


Wieviele hervorragende Produktionen man damals sehen konnte: 1969 Werner Bauers legendäre Inszenierung von Warten auf Godot (Samuel Beckett), Hollmanns Kasimir und Karoline (Ödön von Horváth), Holligers Play Strindberg (Strindberg/Dürrenmatt) und 1970 Menzels Mandragora (Niccolò Machiavelli), Horst Siedes Eisenwichser (Heinrich Henkel), Kosta Spaics Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung (Dieter Forte). 1971 Düggelins Die Aufgeregten von Goethe (Adolf Muschg), Kačers Die Möwe (A. P. Tschechow) und 1972 Hollmanns Macbeth (Shakespeare/Heiner Müller), Kačers Die Stühle (Eugène Ionesco), 1973 Rolf Stahls Richards Korkbein (Brendan Behan). Und schliesslich die einmaligen und als unspielbar geltenden Die letzten Tage der Menschheit (Karl Kraus), zwei Abende à vier Stunden inszeniert von Hans Hollmann.


Was für eine tolle Zeit!



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Zampanoos's Variété


Etwas mehr als zwanzig Jahre nach Fellinis La Strada erblickte 1976 in Bern ein poetisches, politisches, clowneskes, romanti- sches und intelligentes Strassen- theater das Licht der Welt. Die vier Gründungsmitglieder: Peter Freiburghaus (1947 - je nach Quelle in Laupen oder Neuenegg geboren, fast gleichnamig mit Peter Friburghus, dem Bauernre- bell des 17. Jahrhunderts, der ebenfalls aus Neuenegg stammte, wo übrigens die Famile Freiburg- haus seit der Mitte des 16. Jahrhundert lebt), Marco Morelli (*1954 in Laupen, halb Schwei- zer, halb Italiener, ein Clown und Seiltänzer), Monika Baumgart- ner (*1952 in Solothurn) und Heinz Sommer haben nach dem grossen und unerwarteten Erfolg der Berner Strassentheaterpro- duktion „Povero Circo Morelli” beschlossen  ein  echtes Strassen-


theater zu gründen eben Zampanoo's Variété. Sie haben im Sommer zwischen 1976 und 1986 über Monate in einem alten Citroën Typ H die Schweiz durchquert und an gut gewählten Plätzen (in Basel z. B. am Marktplatz) ihre wunderbaren Vor- stellungen gegeben, die aus einer Mischung von Schauspiel-, Musik-, Gesangs-, Tanz-, Akrobatik- und Pantomimennummern bestanden - eine in den frühen Sieb- zigerjahren beliebte, an die Commedia dell’Arte angelehnte, Theaterart also. Aber immer waren die Stücke mit einer nicht zu übersehenden Portion Gesellschaftskritik angereichert. Vor allem hat ihnen aber ein Zauber innegewohnt, dem man sich nicht entziehen konnte. Die Zampanoo's waren gut, wirklich gut.


Die ersten Produktionen, Vive l’amour 1976 und Vive la politique 1978 habe ich leider live nicht gesehen, das bereue ich sehr. Von Vive l’amour gibt es meines Wissens nur ein knapp sechsminütiges Video von einer Vorstellung am Waisen- hausplatz in Bern im August 1976, das Dank Marco Morelli auf seiner Webseite angesehen werden kann: Videoausschnitt aus Vive l’amour.


Eigentlich schade, dass auch im Internet über die Zampanoo's so wenig vorhanden ist. Nur gerade ein kleiner Eintrag ist im Theaterlexikon der Schweiz von Andreas Kotte zu finden. Dabei waren sie so bahnbrechend. Viele erst später bekannte Künstler sind mit ihnen aufgetreten, oder waren für eine gewisse Zeit Teil des Ensembles, wie die Schwestern Ursula und Anna Stäubli, Peter Panero, Dodo Hug und Viktor Giaccobo [sic!]. Ende der Siebzigerjahre sind dann folgende Produktionen entstanden: Eine Reise ins Glück 1979 über Geldwäscherei und Waffenschmuggel, La bella Cioccolata 1981 über des Schweizers liebstes Cliché und Dalton Sisters letzter Ritt 1983 eigentlich das Abschiedsstück, da Im Jahr der Ratten, 1984/85 nicht mehr unter freiem Himmel aufgeführt worden ist.


Zu erwähnen bleibt der Film Die Wandlung 1983, welchen die Zampanoo's zusammen mit dem Action Theatre London gedreht haben. Es handelt sich um eine visionäre Parodie auf einen Wirtschaftskrimi: in einem Forschungslabor eines Chemiemultis werden seltsame Entdeckungen gemacht. Plötzlich beginnen die Menschen ihr Geschlecht zu verändern. Der Held der Geschichte will dem Geheim- nis auf die Spur kommen und arbeitet schliesslich fieberhaft an einem Gegengift, um die Gesellschaft vor der totalen Wandlung zu bewahren. Der Film wurde an den 19. Solothurner Filmtagen gezeigt.

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